"Atelier"

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Regie: Peter Ott D 2012, 42', HD Video



Rose Beermann, Antiona Bootz, Michael Dreyer, Peter Ott, Ines Thomé, Philipp Ziegler

Konzept.
"Atelier" spielt mit Klischees des Künstlerfilms, insbe-
sondere mit dem Authentischen, der Muse, dem "Kairos", dem
Autobiografischen, den Krisen, der Kontemplation etc.
Mimik, Gestik, Geräusche, Musik, Nahaufnahmen und Längen folgen den Sehgewohnheiten des Künstlerfilms, strapazieren sie aber zeitweise erheblich. In jeder Einstellung ist die Überlagerung des Dokumentarischen (Michael Dreyer) und des Fiktiven (der Künstler "Christian") konstitutiv. Vereinzelt eingesetzte Stilmittel des Experimentalfilms erweitern die Filmsprache.

Entstehung.
Der Film basiert auf einer Idee von Michael Dreyer und
wurde von Peter Ott als Auftragsarbeit in Szene gesetzt
und realisiert. Man sieht Dreyer in seinem Atelier beim
beharrlichen Schaffen an verschiedenen Exponaten, insbesondere zu TOWER OF POWER, das auf ein Szenenbild von Jerzy Grotovski zurückgeht*. Ott führt die Handkamera und stellt dem Künstler verschiedene Fragen. Diese zuerst gedrehten Einstellungen sowie ein Rundgang durch die fertige Ausstellung Dreyers stehen auch im Film am Anfang. Aus der Konversation zwischen Ott und Dreyer entwickelt sich im Laufe
der weiteren Dreharbeiten eine partielle Fiktionalisierung mit dem Resultat, dass Dreyer "Christian" wird und weitere
Charaktere auftreten.

Handlung.
Die Rahmenerzählung hat die Dreharbeiten zu einem Film über "Christian" zum Inhalt. Deren Fortgang wird durch verschiedene Handlungselemente bzw. durch fiktionale Sequenzen unter-
brochen und ergänzt. Dreyer blättert in Büchern und verweist auf "ihn" – ein Foto von Alfred Lörcher**. Ott hält den alten Mann für den Vater des Künstlers. Schon vorher tauchen im Dialog über einen von Dreyer/Christian verwendeten Zeitungsausriss*** die Begriffe «Vater» und «Respekt» auf, woraus sich ein Dialog über Vaterbeziehungen und familiäre Settings entwickelt. Der Anruf von Christians hilfsbedürftigem Vater unterbricht diesen Dialog. Auch die weiteren Dreharbeiten werden nun konstant durch Anrufe des Vaters, selbst Künstler, unterbrochen. Filmisch treten in der Mitte zwei längere theatralisch-performative Szenen hinzu, in denen eine Gitarristin und eine Tänzerin auf­treten. In
einer weiteren Szene erscheint eine "Fee". Sie weint, als der Künstler zornig wird, und vollendet schlafwandlerisch sein Werk. "Christian" scheint sich damit abgefunden zu haben, dass seine Karriere nicht an die des nun dementen Vaters heranreicht, dessen Werke an den Louvre verkauft wurden. Den umherirrenden Vater abzuholen scheitert am Ende des Films, da "Christian" im Eifer der Filmauf­nahmen den Aufbruch zu lange hinausgezögert hat.

Kontext.
In den Anekdoten zu "Christians" Familiengeschichte arbeitet Dreyer Typisches aus Künstlerfamilien und zitatweise Fallbeispiele aus Laings "The Politics of the Family" ein.
Die Anmerkungen über seine Kunst bleiben entweder in dem bekannten Rahmen ("Ich habe da keine Theorien, ich mache eben meine Sachen ...") oder sind banal ("Voyeurismus – eine archaische Form des Theaters..."). In den verschiedenen Arbeitssequenzen des Films (Malen, Modellieren, Montieren) treten die für Künstlerfilme notorischen kammermusikalischen Einspielungen auf, in diesem Fall "moderne" Gitarrenmusik von Hans Werner Henze aus dem Laptop des Künstlers als Film-
musik, wie auch durch die unvermittelt im Raum anwesende Gitarristin; die Tänzerin mäandert, vollkommen auf sich selbst bezogen, durch den Raum; das junge Mädchen müht sich umherlaufend mit der Rezitation eines englischen Textes
ab: "They are playing a game...", eine Sequenz aus Ronald D. Laings "knots". Währenddessen hantiert "Christian"
mit Flachs, Föhn und weißem Puder an der Frisur einer Ton­figur****.

***

Der Film ist eine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Renaissance des Charismatischen. Künstlerfilme laufen in den Kinos. Das hat seinen Grund in der Popularität des role models "Künstler", sei es als Macher und Unternehmer oder als Einzelkämpfer. Dem neoliberalen Imperativ entsprechend könnte man jetzt sagen: "Jeder Mensch muss wie ein Künstler sein." Der Konnex von Kreativität als Zwang und Depression als Folge wurde bereits herausgearbeitet (von Rebentisch/Menke). Das Publikum, das durch Großprojekte im urbanen Raum oder durch Malerei-Ausstellungen und Nachrichten von Auktionsrekorden seit Jahren beeindruckt wird, ist mit diesen Ereignissen gewachsen – im doppelten Wortsinn.
Doch die Autorschaft solcher Events verteilt sich auf viele Rollen, von denen die des Künstlers und der Künstlerin, je nach Projekt, die des/r Forschers/in und Wissenschaftlers/in ist sowie des Genies oder des/r Massentherapeut/in, oder eben die des Malers, der in der Abgeschiedenheit des Ateliers, eventuell mit dem vertrauten Assistenten, seiner Bestimmung nachgeht. Tatsächlich scheint diese mythische Rolle wieder einmal Männern vorbehalten.

In Anbetracht dessen ist "Christian" ein old-school-Künstler, und der Film baut mit seinen Stilmitteln obsolet gewordene Klischees des Erhabenen in diesem Sinn aus. Die das banale Hantieren mit dem keramischen Urmaterial verklärende Musik hat man als Illustration des Irrationalen seit den Anfängen dieses Filmgenres zu hören gelernt. Einfühlung durch Klang ist der dem Publikum zugewiesene Modus, um das moderne Bild zu verstehen. Film als Vermittlungsinstanz zwischen Avantgarde und Publikum greift eben zu filmischen Mitteln, die erst der Tonfilm und die Technik der Tonmischung ermöglicht hat. Solche Musik aus dem Off in solchen Filmen, wie "Atelier" sie (selbst)thematisiert, über solche Kunst einzu­setzen, steht in der Tradition des Traditionsbruchs.Auch die weiteren Elemente des Films, die weiblichen Musen, der Vaterkonflikt, die Selbstgenügsamkeit des Protagonisten ("Ich mache eben meine Sachen"), die Angreifbarkeit, die die Figur ausstrahlt, sind dem anachronistischen Repertoire des Atelierfilms entnommen.

Dies trifft nun alles auf die empirische Person Michael Dreyer. Nicht aber als dessen Selbstexperiment steht der Film da, sondern im Zusammenhang mit seinen Filmprojekten "Shorty" (1996) und "Abschaffung von Prügelsprache" (2004) ist "Atelier" vielmehr eine Weiterentwicklung von Dreyers performativen und sprachbezogenen Arbeiten – in diesem Fall in Kooperation mit dem Regisseur Peter Ott. Der Komik und der Coolness/Un-Coolness kommen in "Atelier" die Rolle von Studienobjekten zu, wie auch dem Phänomen des Sprechakts vor laufender Kamera. Dass es über weite Strecken um Familie geht und Dreyers Tochter als Fee auftritt, ist konsequent im Sinne der Verschränkung des Authentischen mit dem Fiktiven, des Lebens mit dem Kunsthaften. Das Arbeiten mit und an
den Zitaten des Atelierfilms setzt sich in dem Umgang mit dem Familiären als Sozialisationsinstanz von künstlerischer Biografie fort.

* "Theorie des Armen Publikums/Towards a Poor Audience"
bei Hermes und der Pfau, Stuttgart, 2012

** Lörcher war ein Bildhauer (1894 bis 1964), auf dessen Arbeiten sich Michael Dreyer bezieht.

*** mit einem Zitat des schottischen Psychiaters Ronald
D. Laing (1927 – 1989)

**** Es handelt sich um die Nachbildung einer Körperposition von Petra Vogt (Living Theatre).